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Die CD ist da!

March 19, 2006

spreeblick.com

Filed under: Was schreiben andere Blogs (RSS-Import) — sonnenlischt @ 0:16
  • Mahnwache zum Beschluss des Netzsperren-Gesetzes
  • Bevor morgen die Netzsperren im Bundestag beschlossen werden, wird es ab 9:00 Uhr vor dem Brandenburger Tor eine Mahnwache der Netzsperrengegner geben.

    Heute Abend schon ist ab 19:00 Uhr im newthinking store in der Tucholskystraße 48 in Berlin Mitte gemeinsames Transpimalen und Plakatebasteln angesagt.

    Weitere Organisation, gern auch weitere Aktionen an anderen Orten über das Wiki des AK Zensur.

    Jetzt erst recht: Aufstehen gegen Zensursula!

  • Blur live 2009


  • (Youtube Direktblur, via Testspiel)

    Blur haben vorgestern einen Überraschungsgig im Londoner Rough Trade East gespielt, hier „Song 2“ in einer verwackelten Videoversion, aber voller raw live Power. In den related Videos auf Youtube findet man noch viele weitere Videos des Auftritts. Whoo-Hoo!

  • Studentenprotestchen
  • In Deutschland streikt diese Woche die Bildung. Oder so. Ich bin gestern auf dem studentenbewegungserprobten Campus der Freien Universität Berlin unterwegs gewesen.

    Vor den Instituten, die in Villen untergebracht sind, sonnen sich ein paar Studierende beim Streikgespräch. Protest muss ja nicht bleich machen. „Reiche Eltern für alle“ fordern die Philosophen auf gelben Laken, die ein oder andere Wand ist mit Parolen besprüht, die Ethnologen haben ganz oldschool die Natursteingartenmauer vor ihrem Institut mit Pinsel und Farbe politisiert.
    Traditionsgemäß ist das OSI besetzt, wie auch sonst, ohne wär’s ja kein echter Bildungsstreik an der Freien Universität.

    Ebenso traditionsgemäß beteiligen sich dann auch keine fünf Prozent der Studierenden an der Vollversammlung, dort aber feiert das Totholzmedium Flugblatt fröhliche Urständ, die Forderung nach freierer Bildlung, besseren Studienbedingungen, mehr Lehrpersonal und Mitbestimmung muss in einen globalen Kontext gebracht werden. Talkin about a revolution? Naja, auch die Blätter der Streikgegner fliegen en masse herum.

    Zum Auftakt der studentischen Vollversammlung springen Kommilitonen mit dem Megafon durch die Mensa, sie wollen noch ein paar Hungrige zum Protest überreden, werden aber eher ausgelacht. Ansonsten ist schon um 13:00 Uhr das halbe Mensaangebot weggefuttert, die Mensa auch nicht leerer als sonst, dabei sollten die Studis doch gerade vollversammeln…

    Ein paar ganz Engagierte besetzen am Nachmittag das Präsidium der Uni. Und das obwohl doch der Präsident sich schon vor beinahe zwei Wochen quasi hinter die Proteste gestellt hatte und es allen Unimitgliedern nahe legte, zur heutigen Demo zu gehen. Aber bei der Besetzung seiner Hütte hört die Solidarität auf, soweit kommt’s noch, mit den Chaoten den Raum zu teilen, dann doch besser polizeilich „brutal“ räumen lassen. So der AStA. Auch das hat Tradition. Laut dem Universitäts-Medienpartner Tagesspiegel verlief das Ende der Besetzung friedlich.
    Am frühen Abend entfernt die Polizei noch ein paar Straßenkreuzungsblockierer. Kriegt nur alles kaum einer mit, denn es findet im beschaulichen Westberliner Villenviertel Dahlem statt.

    Im Seminar ist es die Professorin, die zum Protestieren aufruft, weil ihre Studierenden erwartungsgemäß vor ihr sitzen, statt zu streiken. Der Grund, warum ein Student ihren Aufruf unterstützt, ist: damit die Radikalen nicht den Protest bestimmen. Immer schön brav bleiben, auch wenn es darum geht, Kritik zu äußern. Die liberale Hochschulgruppe hat das in ihrem zeitlos-ängstlichem Antikommunismus schon im Vorfeld gefordert.

    Andernorts sieht es wohl ähnlich aus wie an der Freien Universität.

    Es ließe sich so herrlich über diese regelmäßig wiederkehrenden Rituale ätzen. Einfach über Revolutionsromantiker und die protestfaule Mehrheit lästern. Wenn es nicht so traurig wäre.

    - Weil Bildungspolitik immer wieder in den Mühlen des deutschen Föderalismus untergeht. Jedem Kleinstaat seine Schulreform, aber besser kein tragfähiges Gesamtkonzept. Stattdessen jagen wir uns bei den Pädagogen lieber gegenseitig die Lehrer ab, wobei reiche Länder natürlich Vorteile haben. Sozialdarwinismus für die Kleinsten.
    - Weil genau den aber auch die Eltern betreiben. Während es den Eltern aus dem Prekariat oft an einem Zugang zur Wichtigkeit des Schulbesuchs ihrer Eltern fehlt, sagt die Bildungselite trotz allem theoretischen Reformwillen: Mein Kind spielt nicht mit den Schmuddelkindern, ich wil, dass es eine Gymnasialempfehlung erhält.
    - Weil Tanja Recht hat.
    - Weil seit Jahren alle Studien aufs Neue zeigen, dass es der elterliche Gedlbeutel ist, der über die Chancen des Nachwuchses im deutschen Bildungssystem entscheidet. Da haben auch Studiengebühren nichts daran geändert und auch die Gesamtschule kommt gegen die soziale Herkunft nicht an.
    - Weil die Bachelorstudiengänge so wunderbar funktionieren.
    - Weil immer mehr Wissenschaftler keine festen Stellen mit Lehrverpflichtung an den Unis haben, sondern wenn überhaupt auf befristeten von Fördermitteln (u.a. aus der Privatwirtschaft) bezahlten Forschungsstellen sitzen und somit im regulären Unibetrieb nur bedingt integriert sind und vor allem in der Lehre fehlen.

    Es fällt gar nicht so einfach, gegen dieses Wirrwarr klare Forderungen zu stellen, ohne gleich unrealistisch genannt zu werden. Hut ab, vor denen, die dennoch fordern und ihre Forderungen an die Öffentlichkeit bringen. Gut, dass hier immerhin Schüler und Studierende zusammen agieren, wo sonst bei Bildungspolitik jeder sein eigenes Süppchen kocht.
    Mit einer einzigen Protestwoche wird es aber kaum getan sein. Erst recht nicht, wenn fast alle fernbleiben.

  • Auf Nimmerwiedersehen, SPD!
  • Das war’s dann wohl endgültig mit der SPD und mir. Von der CDU erwarte ich nichts, so lange ich denken kann erregt das Weltbild dieser Partei bei mir nur Übelkeit, aber was sich die SPD in den letzten Jahren geleistet hat und besonders, was nun im halbherzigen, feigen und vor allem völlig nutzlosen Verhandlungsgefasel hinsichtlich der Internetsperren zu sehen war und ist, bringt das Fass zum Überlaufen. Mein Vater, der alte Sozi, würde sich im Grab umdrehen, müsste er das alles mit ansehen.

    Wer die bisher erfolgreichste Online-Petition mit über 130.000 Stimmen sowie Hinweise aus den eigenen Reihen und Experten-Meinungen aller Art ignoriert, der kann sich übrigens auch weitere Gespräche in die Haare schmieren. Diesen lächerlichen Image- und Strategie-Quark mache ich nicht mehr mit.

    Ein paar Mal habe ich der SPD in den vergangenen Jahren noch eine Stimme abgegeben, ab heute steht fest: Nie wieder.

    Den Stopp-Kasten gibt es zur freien eigenen Verwendung hier.

  • Anthologie “Schau gen Horizont und lausche”
  • 23 junge Autoren schauen sich ein wenig in der Weltgeschichte um, vor allem in den Städten. Der Verlag verspricht, dass „das, was die Stadt im 21. Jahrhundert ausmacht, wird aus den unterschiedlichsten Perspektiven und in neuem Licht betrachtet“ wird. Bjoern und Fred haben mal reingelesen und sich anschließend über Städte, Prenzlberg-Prosa und pdf-Rezensionsexemplare unterhalten.

    Björn: Also, das ist ja ein Buch über Urbanität. Aber dann sind da einige Texte, die nichts mit Urbanität zu tun haben, vor allem die am Anfang. Aber später gibt es Texte, die wirklich sehr gut mit dem Thema spielen. Zum Beispiel Stefan Petermann mit „Gefühlter Sicherheit“, der die Bombenanschläge in London im Juli 2005 zum Ausgang nimmt. Das ist ne Geschichte, da spielt Stadt eine Rolle, die nur Stadt spielen kann: dieses Bedrohungspotential, und im Gegensatz die Ruhe auf dem Land.

    Fred: Als ich das Thema „Stadt“ gelesen habe, dachte ich, um Himmels willen, bitte nicht. Vor allem nicht die junge Literatur, da gehts doch bestimmt wieder bloß um Alkohol und Drogen, um Sex, Melancholie, Einsamkeit und gut dabei aussehen. So ein bisschen Pseudo-Beatnik, das ist ja auch große Mode, so über beispielsweise Berlin zu schreiben. Ich war dann überrascht, dass es auch Texte mit einer anderen Ausrichtung gab. Es ist ja eine sehr bunte Anthologie geworden, und es gibt viel mehr als nur prätentiöse Prenzlberg-Prosa. (Die gibts aber leider auch.)

    Björn: Welche Texte meinst du denn?

    Fred: Der allererste Text von Peh zum Beispiel. Im Grunde gehts darum, dass eine hippe Berlinerin nach Valencia fährt, säuft und sich küssen lässt, aber - weil Herz anderswo - nicht ficken kann. Der ist stilistisch - seien wir nett - unbedarft (Peh hat das Wörtchen „irgendwie“ sechs Mal auf einem halben dutzend Seiten untergebracht, das ist schon eine Leistung), und liegt inhaltlich zwischen Frauenzeitschriften-Befindlichkeitskram und wildem Tagebucheintrag. Hat aber mit Valencia überhaupt nichts zu tun.

    Björn: Dass das auch ganz anders geht, zeigt Tilmann Rau. Der schafft es, die Kommunikationslosigkeit zwischen einem Pärchen im allgemeinen und speziellen Getöse Barcelonas aufgehen zu lassen. Mir ist aufgefallen, dass fast alle Stadt-Reportagen gut funktionieren, bei den Geschichten klappt das nur bedingt.

    Ulrike Draesner zum Beispiel hat eine wunderbare, poetische Reportage über Kalkutta geschrieben, die gleichzeitig in ganz kleinen Anspielungen einen politischen Grundton behält. Das sind häufig Details, ganz am Anfang zum Beispiel schreibt sie: „Wer stärker ist, kommt durch. (Absatz) Calcutta, kommunistisch seit über dreißig Jahren…“

    Fred: Es werden ja eine ganze Reihe Städte beschrieben, Priština, Varanasi, Dhaka, das ist eine sehr schöne Mischung. Unvermeidlicherweise auch Berlin, London und New York. Bei den Texten über westliche Städte hat man unweigerlich den Eindruck: Das hab ich alles schon tausend Mal gehört. Es gibt auch die Ausnahmen.

    Björn: Nachdem wir uns vorher auf den schlimmsten Text geeinigt haben, wollen wir noch sagen, welche Texte wir besonders gelungen fanden?

    Fred: Besonders gut hat mit Toby Hoffmanns „Die kleine Stadt“ gefallen. Die kleine Stadt, das ist Ravensburg, das kenne ich ja gut. Hoffmann beschreibt am Anfang eine kleinstädtische Idylle und tickt irgendwann völlig aus. Dann hagelts großartige Nazivergleiche:

    barbarei und idylle liegen nah beieinander in der kleinen stadt. dem herrn sei’s gedankt, denkt sich der kathole, dass die tradition des „rutenfestes“, so nennt sich „das frohe treiben im herz oberschwabens“, älter ist als dieses ganze nazi-zeug. unnötig zu erwähnen eigentlich, dass der heutige marienplatz einmal adolf-hitler-platz hieß. die fahnen und all das, das marschieren, das trommeln, das herumgrölen, das heimatliedersingen, solche parallelen finden die menschen hier nur langweilig.

    Björn: Das stimmt, das ist ein großartiger Text. Mit hat auch Urs Mannhart mit „Meine Straße“ sehr gut gefallen. Der beschreibt den langsamen Übergang von der Peripherie in die Stadt ganz wunderbar. Der Text fängt für mich diese Mischung aus Entstehen und Chaos in Priština ein. Außerdem schaut er gern aufs Kleine, ohne den historisch-politischen Hintergrund des Kosovo zu vernachlässigen. Sowas hier ist schön:

    Es wird viel geraucht auf meiner Straße, auch Fruchtsäfte sind beliebt. Verpackungen nehmen rasch die Farbe der Straße an.Was ich erst für eine von der Sommerhitze gänzlich ausgetrocknete Blindschleiche halte, entpuppt sich als Scheibenwischergummi.

    Fred: Hast Du eigentlich alle Texte gelesen?

    Björn: Fast alle. Einen gar nicht, den hab ich vergessen. Da bin ich vorher eingeschlafen. Du?

    Fred: Also 160 Seiten als pdf am Bildschirm zu lesen, das war beinah unerträglich. Als Verlag auch eine beschissene Idee, pdfs als Rezensionsexemplare rauszuschicken. Da sitzt Du vor dem Text, denkst, Du hast ihn gelesen, und sobald Du darüber nachdenkst, merkst Du: Ich bin genauso schlau wie davor. Und dann musste nochmal von vorne lesen.

    Naja. Noch ein Wort zum Abschluss? Kaufen oder nicht?

    Björn: Einzelne Texte super gern, aber manches davon, nee. Unterm Strich gibts ein Plus, aber es ist schon auch Mist mit dabei. Und Du?

    Fred: Ich kaufe Städtebücher ja eigentlich nur, wenn über 50 Prozent der Texte Beschimpfungen sind. Ich finde, das ist ein Buch, das sich gut verschenken lässt. Eine schöne, bunte Mischung, da ist für jeden Geschmack was dabei. Und es ist das erste Buch des asphalt & anders Verlags, der mir auf den ersten Blick ziemlich sympathisch erscheint. Ich weiß auch nicht warum. Ich bin sehr gespannt, was da noch so kommt.

    Es gibt zu drei der Texte Leseproben, Cornelia Travniceks Il Mio Mia oder die Himmelslinie der Stadt über dem Meer und die Nebel im Norden, Pehs Heimweh und Martin Beyers Die Medea der großen Stadt.

    Schau gen Horizont und lausche: 11,90 Euro, 160 Seiten broschiert, asphalt & anders Verlag (Amazon-Partnerlink)

  • Theremin controlled Super Mario


  • (Youtube Direktmario, via Geekologie)

    Das musste ja kommen: Wer braucht schon Microsofts „Project Natal“ oder eine Wii, wenn man ein Theremin haben und damit eine Runde Super Mario zocken kann. (Und weil bis jetzt noch bei jedem Posting über das Theremin fragen kamen, was das überhaupt für ein Dingens ist [ein Musikinstrument] und warum es funktioniert, wie es funktioniert: Hier steht, wie’s geht.)

  • Iran-Berichterstattung
  • Eine korrekte Einschätzung des Ahmadinedschad-Opponenten Mir Hossein Mussawi ist mir nicht möglich, dass jedoch das Wahlergebnis im Iran nicht nur von der Opposition und den Demonstranten angezweifelt wird, die sich heftige Straßenkämpfe mit der Polizei liefern, steht fest.

    Zusätzlich zu den bekannten Quellen folgend ein paar Links mit Fotos, Artikeln und Videos zur aktuellen Lage. Auch hier gilt: Ich kann die Quellen nicht 100%ig einschätzen oder bewerten, doch wer kann das von hier aus schon …

    Mousavi: Twitter, flickr, YouTube
    Iran News (Blog)
    Juan Coles Blog (Juan Cole Wikipedia)
    Iran Photos
    Blog von Saeed Valadbaygi

    [via]

  • Craig Robinson: Pigeon (31)
  • (Click to enlarge)

    Pigeon lives at Spreeblick. RSS. Archive.
    More wonderful stuff from Craig can be admired at flipflopflyin.com.

  • Steinmeierei
  • Beim morgendlichen Durchblättern der Tagespresse suchte ich zwischen den ganzen Fotos vom SPD-Parteitages und von Frank-Walter Steinmeier nach Inhalten. Und fand keine. Dass die SPD jetzt für den Wahlkampf gerüstet sei, stand da (coole Sache, so kurz vor der Wahl), dass die Rede Steinmeiers die Genossen in gute Stimmung versetzt habe (gude Laune!) und dass selbige Rede irgendwie nicht so schlimm gewesen sei. Aber wie die SPD ihren Abstieg verhindern will, das stand da nirgends. Wahrscheinlich, weil es die Partei einfach nicht weiß.

    Ix war auch beim SPD-Parteitag, sein Text hebt sich wunderbar von dem ganzen pseudo-analytischen Geschwurbel ab, das ich heute morgen lesen musste.

  • Podcast 308: Die 160.000-Euro-Kche
  • Wir kaufen uns zwar die 160.000-Euro-Küche dann doch nicht, kennen dafür aber den wahren Grund, warum Menschen in Jogging-Anzügen rumlaufen, obwohl sie gar nicht joggen.

    MP3, 54:47, 50,2 MB

  • Mit wehenden Fahnen dem Untergang entgegen - Rundblick SPD

  • Was ist nur los mit der SPD? Wo sind die Zeiten geblieben, als es noch 40+ hieß, und was ist denn passiert bisher? Ist sie „stehengeblieben“ (was auch immer das heißen soll)? Hat sie keine Antworten mehr, und wenn ja, auf welche Fragen? Die letzten Tage haben sich viele Kommentatoren um eine Antwort bemüht. Zeit für einen Rundblick.

    Michael Spreng sieht vor allem die personellen Entscheidungen der SPD als Grund, warum sie im begriff ist, aus der Rolle zu fallen. Nach den Wahllügen Gerhard Schröders 2002 und dem unterwürfigen Gang in die große Koalition 2005

    …hatte die SPD noch die glorreiche Idee, einen Beamten zum Kanzlerkandidaten zu machen, nur weil dieser - wie einst Klaus Kinkel - im Amt als Außenminister ganz beliebt war. Der kantig-kompetente Peer Steinbrück wäre in der Weltwirtschaftskrise wahrscheinlich der Bessere gewesen, aber dann hätte Andrea Nahles endgültig den Übertritt zur Linkspartei erwogen. Und deshalb bleibt die SPD jetzt auf Steinmeier sitzen - bis zum bitteren Ende.

    Hätte Merkel die letzte Wahl verloren, wären ähnliche Artikel ihrzuliebe geschrieben worden. Steinmeier hat sich nicht als Opel-Retter profilieren können, so wie ein viele SPD-Granden während der Insolvenz-Guttenberg-Debatte vor allem dadurch geglänzt haben, größtmöglichen Unsinn zu verbreiten. Natürlich wirkt Steinmeier wie die Inkarnation des Peter-Prinzips, und natürlich habe ich bei jedem Auftritt Münteferings das Bedürfnis, ihm einen handgeschnitzten Stock zu schenken.

    Steinbrück hätte aber in der Opel-Sache, die die titelseiten dominierte, keine andere Wahl gehabt, als sich entweder Guttenberg anzuschließen oder Steinmeiers Versuch zu unternehmen, den hemdsärmeligen Anpacker zu geben. Sich Guttenberg anzuschließen läge zwar voll im moemtanen Koalitionsfluß, allein: so lässt sich kein Profil ausarbeiten. Es gibt nicht viele Möglichkeiten für die SPD, sich für den Wähler wichtig zu machen. Vermutlich deswegen hat man sich entschieden, diese „Arschlöcher würden die anderen wählen“-Kampagne durchzuführen.

    Reinhard Bütikofer sieht das ähnlich:

    Wie sonst hätte sie auch positiv für Europa werben sollen? Als Bürgerrechtspartei – die im Online-Bereich Bürgerrechte abbaut? Als Umweltpartei – die mit ihrem Kohlekurs Klima-Killer-Politik umsetzt? Sie mußte versuchen, die soziale Karte zu ziehen.

    Warum das nicht hingehauen hat, dafür gibt es mehrere Gründe. Einerseits ist seit Hartz 4 keine Partei derart mit dem Makel behaftet, Sozialraubbau zu betreiben. Andererseits wird in Europa keine Sozialpolitik gemacht. Und drittens interessiert sich offenbar niemand in der SPD für Europa.

    Dass die Wahlniederlage der SPD ihr Ende als Volksparteien markiert, ist falsch. Stefan Reinecke hat dieses Vorurteil im bisher besten Kommentar zum Thema widerlegt:

    Ihr Problem ist, dass sie in gewisser Weise die letzte Volkspartei ist, die ziemlich gleichmäßig von Arbeitern und Arrivierten, von Arbeitslosen und Angestellten, von Erstwählern und Rentnern gewählt wird. Bei der Konkurrenz ist das anders. Fast die Hälfte der Rentner hat für die Union gestimmt, aber nur ein Fünftel der Arbeitslosen. Die FDP ist bei den Selbständigen stark, die meisten Arbeitslosen haben Linkspartei gewählt. Nur die SPD-Wählerschaft bildet in etwa die Struktur der Republik ab. Wenn die Verteilungskämpfe schärfer werden, ist das kein Bonus, sondern ein Malus.

    Das heißt im Umkehrschluß: Die SPD wäre gut beraten, ihr Ende als Volkspartei einzuläuten. Und wenn sie sich tatsächlich ihrer Wurzeln erinnern will, wird der Schulterschluß mit der Linken bald unumgänglich werden. Und das nicht nur aus wahltaktischen Erwägungen oder weil Opposition so sehr pfui ist, sondern weil es dann endlich einmal wieder zu einer ideologischen Ausrichtung kommen könnte.

  • Louis Begley - Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte
  • Der Fall Dreyfus ist der berühmteste Justizskandal der französischen Geschichte. Er gilt als die Geburtstunde des modernen französischen Antisemitismus und des Zionismus. Die Affäre geht so: 1894 erhält das Nachrichtenbüro Kenntnis über einen Spion im Generalstab, der den Deutschen Militärgeheimnisse verkauft. Einziger Hinweis ist ein Schriftstück, das eine Agentin aus der deutschen Botschaft ans Nachrichtenbüro übermittelt. Hauptsächlich eine oberflächliche graphologische Untersuchung schließt auf Dreyfus als Verdächtigen, der einzige Jude im Generalstab. Trotz der schwachen Beweiskraft eröffnet die rechtsradikale und antisemitische Presse eine Hetzkampagne gegen Dreyfus. Am letzten Verhandlungstag des Prozesses lässt die Militärführung dem Gericht ein geheimes Dossier zukommen, von dem die Verteidigung keine Kenntnis hat. Dreyfus wird aufgrund dieses dossier secret wegen Hochverrats schuldig gesprochen, degradiert und auf die Teufelsinsel verbannt. Ende des ersten Aktes.

    Zwei Jahre später, 1896 also, ermittelt der neue Leiter des Nachrichtenbüros Georges Picquart gegen einen gewissen Major Ferdinand Walsin-Esterházy, den er der Spionage verdächtigt. Er kommt bald zu dem Schluß, dass Esterházy und nicht Dreyfus für die Deutschen arbeitet. Die Geschichte wird ihm recht geben. Aber die Militärführung will um jeden Preis eine Überprüfung des Urteils vermeiden, unter anderem, um eine Prüfung der gefälschten Beweise zu vermeiden. Damit die Armee ihr Gesicht wahrt, wird ihre Führung von jetzt an versuchen, Picquart ruhigzustellen. Derweil wird in der Presse bekannt, dass Geheimdokumente zur Verurteilung Dreyfus’ geführt haben, dessen Frau daraufhin Revision beantragt. Um Dreyfus endgültig zu belasten, fälscht ein Mitarbeiter des Nachrichtenbüros, Joseph Henry, ohne das Wissen Picquarts ein Dokument, das an der Schuld Dreyfus’ keinen Zweifel mehr lassen soll.

    1897, Picquart ist nach Tunesien abkommandiert worden und wird durch gefälschte Briefe Henrys als Dreyfus’ Mittäter, als Hochverräter zu diskreditieren versucht. Gleichzeitig formiert sich um den Bruder von Dreyfus, Mathieu, eine breite Front von Dreyfusards, die sich den Ultranationalisten und Antisemiten entgegenstellen, darunter Léon Blum, Scheurer-Kestner, Clemenceau, Jean Jaurès und Émile Zola. Émile Zola wird nach einer ganzen Reihe von Artikeln (darunter das berühmt gewordene J’accuse) der Verleumdung gegenüber der Militärführung angeklagt. Er hatte die Argumentation der Anklage zerpflückt und aufgezeigt, warum Dreyfus keinesfalls schuldig gewesen sein konnte. Ende des zweiten Aktes.

    Inzwischen ist Godefroy Cavaignac Kriegsminister, ein überzeugter Antidreyfusard. Genervt von den ewigen Angriffen auf die Armee, veröffentlicht er alle bisher geheim gehaltenen Dokumente, um die Schuld Dreyfus’ ein für allemal zu beweisen. Sowohl Jean Jaurès als auch Picquart zerpflücken in der Presse die sogenannten Beweise, die sich entweder nicht auf Dreyfus beziehen oder gefälscht sind. Henry wird später die Fälschung zugeben und sich selbst richten. Trotzdem wird Dreyfus 1899 schuldig gesprochen, kurz darauf allerdings begnadigt. Erst 1906 hat die Revision Erfolg, Dreyfus wird als Major wieder in die Armee aufgenommen. Ein Jahr später nimmt er als gebrochener Mann seinen Abschied.

    Diese unfassbare Geschichte erzählt Begley sehr eindringlich und mit guten Blick auf die Protagonisten. Die Affäre wird in allen persönlichen Details und Verwicklungen klar: Begley hat die Dreyfus-Affäre zwar als Justizkrimi angelegt, erzählt aber trotzdem sachlich und nüchtern. Auch Personen wie Picquart, der überzeugter Antisemit war, und Dreyfus selbst, der immer wohlwollend über die Armee gedacht hat und sich nie darüber im klaren gewesen ist, dass und wie sein Fall zum Politikum wurde, zeigt Begley differenziert und inklusive aller Charakterschwächen.

    Problematisch wird das Buch, wenn Begley den großen Bogen hin zur Gegenwart schlägt. Die Textpassage, die Guantánamo auf dem Buchtitel berechtigt, erstreckt sich von den Seiten 39 bis 56 und behandelt den Machtmissbrauch der amerikanischen Verantwortlichen, vor allem der Regierung Bush, im Umgang mit den Inhaftierten. Vergleichbar ist die Selbstverständlichkeit, mit der sich politisch Verantwortliche über bestehende Rechtstandards hinwegsetzen, um ihr Land und dessen Institutionen (die sie zufälligerweise selbst besetzen) zu schützen. Vergleichbar ist die Selbstherrlichkeit, mit der sich Weisungsbefugte nicht an Verfassung und Gesetzbuch halten, mit welcher Dreistigkeit sie die Öffentlichkeit belügen, wobei sie vermutlich sogar noch glauben, ihr mehr zu nutzen als zu schaden.

    Nicht vergleichbar ist die Situation der Angeklagten. Auf der einen Seite Dreyfus, ein Franzose, der fest an Armee und Staat glaubt und voller Loyalität seinen Vorgesetzten ist und den in Verruf gebracht hat, Jude zu sein. Auf der anderen Seite bis zu 558 Verschleppte nichtamerikanischer Herkunft, gegen die nichts juristisch Relevantes vorliegt und deren Schuld sich daraus erschließt, dass sie Muslime sind. Aber sie sind nicht Teil der amerikanischen Gesellschaft gewesen. Das schwächt weder ihr Leid noch die Infamie, mit der Folter angewandt wurde. Aber es macht einen deutlichen Unterschied zwischen einem antisemitischen Verbrechen und einem xenophoben Verbrechen.

    Man sollte sich hüten, allzu voreilig Parallelen zwischen antisemitischen Ausbrüchen in Europa ab 1880 und antiislamischen Ausbrüchen in den USA nach 9/11 zu ziehen. So ehrlich Begleys moralisches Empfinden sein mag, mit dieser indirekten Parallele macht er es sich zu leicht. Trotzdem ist sein Fall Dreyfus ein lesenswertes und beeindruckendes Buch, das auch all jene, die sich schon ein wenig über die Affäre informiert haben, interessieren wird.

  • Paid content
  • Ich war gerade Gast bei der Eröffnung der Jugendmedientage in Hannover und wurde in einem anschließenden Gespräch nach meiner Einschätzung gefragt, wie viele der Spiegel-Online-Leserinnen und -Leser wohl übrig blieben, würde SpOn ab morgen drei Euro im Monat für den Zugang zur Website verlangen und daneben keinerlei kostenlosen Inhalt mehr anbieten.

    Als jemand, der oft genug Profis beobachtet hat, beantwortete ich die Frage zunächst einfach gar nicht. Ich lamentierte stattdessen über meine Überzeugung, dass ich es für unklug halte, Kunden zunächst etwas wegzunehmen und dann dafür zahlen zu lassen, es wieder zurück zu bekommen. Geld kann man im Netz meiner Ansicht nach nur verlangen, wenn man zusätzlich zum Bestehenden etwas Neues anbietet.

    Das war jedoch nicht die erwünschte Anwort. Nachdem ich mich technisch abgesichert hatte (schließlich würden die Inhalte ja an anderen Stellen wieder kostenfrei auftauchen, aber das mal außen vor für dieses Gedankenspiel) und auch noch Feinheiten abklopften konnte (RSS mit ganzen Artikeln wäre im Preis mit drin), ließ ich mich zu einer Schätzung hinreißen und antwortete:

    „20 bis 30 Prozent?“

    Und biss mir sofort auf die Zunge. Wahnsinn. Viel zu viel. Mein Gegenüber jedoch war aus anderen Gründen erstaunt, nein, er war enttäuscht: „So wenig?“ – „So viel!“, erwiderte ich. Und war immer noch unsicher.

    Was hättet ihr geantwortet? Technische Finessen wirklich außer Acht gelassen: Wie viele der aktuellen SpOn-Leserinnen und -Leser würden eurer Meinung nach übrig bleiben, wenn sie plötzlich drei Euro im Monat bezahlen müssten?

    Achtung! Die Frage lautet nicht: „Würdet ihr drei Euro für SpOn bezahlen?“

  • Warum Jack White Leute verklagen sollte, die „Seven Nation Army” grlen
  • Lukas vom hier sehr geschätzten Blog Coffee & TV erklärt in einem offenen Brief (in einem offenen Video?) an Herrn Jack White, warum der Leute verklagen sollte, die „Seven Nation Army“ grölen. Kann ich genau so unterschreiben.

    Ein offener Brief an Jack White

  • N.A.S.A. - “A Volta” (feat. Sizzla, Amanda Blank, & Lovefoxxx)
  • Weil immer wieder mal die Frage im Raum stand, ob Musikvideos jetzt nun tot seien und was denn da los wäre, sei allen Fragenden einmal das komplette Videooevre von N.A.S.A. (Akronym für North America South America), dem kollaborativen HipHop-Indie-Project Sam Spiegels, Bruder von Regisseur Spike Jonze, und Ze Gonzales, ans Herz gelegt. Deren Videos sind Defibrillatoren für die halbe Branche. Neuester Stromschlag der Clip zu ‘A Volta’ von Alexei Tylevich und seinem Team bei Logan.

    Wir haben hier kurz gegrübelt, ob wir euch den Clip zumuten können, denn er enthält einige heftige Szenen cartoonesker Gewalt und Pornographie und der rappische Partoffelpunk kennt den Gaststar Sizzla etwas genauer und meint er wäre ein homophobes Riesenarschloch.

    Logan gaben dem Clip ein NC-17 Rating, was wahrscheinlich die Hälfte der tighten Spreeblick-Leser ausschließt und in etwa dem entspricht was damals auch Fritz the Cat bekommen hat, das ja bekanntlich inzwischen in der Grundschule zu Aufklärungszwecken gezeigt wird. Damit wären dann wohl genug Warnhinweise ausgesprochen, solltet ihr euch dennoch beim Betrachten unwohl fühlen, dann inhaliert bitte zwei mal drei Videos von Cutethingsfallingasleep.


    Direkt-HD-Gesniffe

    Weitere N.A.S.A.-Videoempfehlungen: Giftet und Money. Und bei BoingBoing gibt’s noch ein Making-of plus Interview mit den Machern von ‘A Volta’.

    [via]

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